Grundwissen

Was sind eigentlich Emotionen? Für wen ist das Ganze geeignet – und für wen nicht? Hier erfährst du die Grundlagen und Voraussetzungen.

Sein oder nicht sein - wahrnehmend

Meine Anmerkung zu diesem Artikel:

Was Gerbode hier über die TIR-Methode und ihre Auswirkungen schreibt, gilt gleichermaßen für alle Verfahren, die ich in diesem Handbuch behandele, nämlich die, die ein hohes Maß an Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit von dir verlangt, wenn du daran interessiert bist, Beschwerden und Störungen zu überwinden und dich von Missverständnissen zu befreien und dein Leben zu erleben.

Autor: Frank A. Gerbode, M.D.

(„Wahrnehmend zu sein oder nicht-wahrnehmend zu sein“)
(„Bewusst zu sein oder nicht bewusst zu sein“)

Das Thema, mit dem ich mich an Sie wende, ist die grundlegende Wahl, die ein jeder von uns in seinem Leben hat, die, entgegen dem was Hamlet sagte: „sein oder nicht sein“, lauten sollte: „sich selbst bewusst zu sein oder nicht bewusst zu sein, zu ermöglichen“. Die Wahl besteht also zwischen Bewusstsein und Nicht-Bewusstsein. Und in Anbetracht der bestehenden Wahlmöglichkeit ist dies offensichtlich eine stupide Idee, denn jedermann würde
selbstverständlich Bewusstsein wählen, was aber doch nicht immer der Fall ist.

Nur allzu häufig wählen die Menschen Nicht-Bewusstsein (Bewusstlosigkeit / Nicht-Gewahrsein) und dies tun sie aus sehr guten Gründen. Manchmal haben diese Gründe mit der Vergangenheit mehr zu tun als mit der Gegenwart. Auf jeden Fall gibt es also Berechtigungen, nicht bewusst zu sein, und dieser Umstand spiegelt sich in der einen oder anderen Sache wider, wie z.B. in Science-Fiction-Filmen. In dem Zusammenhang ist ein alter Film aus den 60ern, „Verbotener Planet“ genannt, erhellend. Es handelt sich dabei um einen Planeten, auf dem sich eine Maschine befindet, mit der man sich zusammenschließt und die dann dafür sorgt, dass die geäußerten Wünsche im realen physikalischen Universum erfüllt werden. Und dann gab es da noch einen Wissenschaftler, der eine wunderschöne Tochter hatte; und der Held in der Geschichte landete dort mit einem Raumschiff, um den Planeten zu besuchen, verliebte sich in die Tochter, und dann tauchten Ungeheuer auf.

Schließlich wüteten die dann da umher und versuchten, das Raumschiff zu zerstören und noch vieles anderes anzurichten. Es stellte sich dann heraus, dass diese Ungeheuer ein Ausdruck des unbewussten Verlangens des
Wissenschaftlers waren, der sich in der Maschine verborgen hatte. – Diese Geschichte ist durchaus nicht neu; aber die dahinter liegende Idee ist die folgende: wenn man seine innersten Motivationen heraus ließe, würde das Ergebnis katastrophal sein. Dieses Konzept ist in unserer Gesellschaft sehr verwurzelt: wenn man sich gestattet, mit seinen wirklich tiefen inwendigen Dingen in Berührung zu kommen, dann folgen daraus Katastrophen und Zerstörung.

Eine der bemerkenswertesten Eigenheiten bezüglich des Bewusstseins ist nämlich die: Haben Sie erst einmal Bewusstsein, dann verfügen Sie auch über bestimmte, grundlegende Absichten oder Bedürfnisse.

Wenn also die Bewusstheit ein Niveau erreicht hat, auf dem diese wirklich wahrnehmbar werden, dann handelt es sich jetzt keineswegs mehr nur um intellektuelle Gedanken, sondern da es sich einem Bedürfnis zugesellt hat, erfolgt daraus notgedrungen Handeln. Man kann durchaus anders geartete Ideen haben, aus denen nicht notwendigerweise Aktion erfolgt; aber bei der Bewusstheit, die hier gemeint ist, handelt es sich eindeutig um eine solche, die zum Handeln führt. Entsprechend dem, womit man in Berührung gekommen ist, kann es sich im Einzelfall um gefährliche Bewusstheit handeln.

In unserer Gesellschaft ist es wohl so, dass wir uns davor fürchten, mit unseren tiefsten Motivationen in Kontakt zu treten, weil wir nicht sicher sind, ob das daraus folgende Ergebnis so sonderlich gut wäre. Denn wenn wir mit diesen Motivationen in Berührung kommen, dann folgt daraus Aktion und die könnte zerstörerisch sein. Folglich brauchen wir eine Gesellschaft, die unser Verhalten mit der Absicht kontrolliert, dass wir das Gute tun, und nicht unseren natürlichen Impulsen folgen, nämlich das Böse zu tun, zumindest aber doch davon abzuhalten sind, uns chaotisch oder unsozial zu verhalten. Das Bedürfnis nach einer solchen Gesellschaft ist viel größer als das nach einer, die ihre Betonung auf Freiheit und individuelle Energie-Verantwortung legt, denn wenn man dem Menschen zu viel individuelle Freiheit und Power gäbe, dann könnte er sich darauf einstellen und seine schlechten inwendigen Impulse lebendig werden lassen. – Bis hierher haben wir uns mit einer fremd-bestimmenden Gesellschaft befasst, einer solchen, in der die Menschen das tun, was durch das sie umgebende Umfeld und die anderen Menschen bestimmt wird und nicht von ihnen selbst-verantwortlich getragen ist. Ich gehe doch wohl richtigerweise davon von aus, dass niemand unter uns sein Leben in die Hände einer solchen kontrollierenden und fremd-steuernden Macht geben möchte.

Folglich bleibt uns die Chance, gewahr und bewusst zu sein, und die grundlegendste Form des Selbstbewusstseins ist die, die eigenen tiefsten Motivationen zu kennen und anzuerkennen.

Das Vorrecht zu wissen, was wir wirklich wollen, und uns die Freiheit und die Durchsetzungskraft zu gestatten, dies auch zu erlangen, trägt in sich die Notwendigkeit und die Verantwortung, auf einer Erfahrungs-Basis zu erkennen, was wir wirklich wollen. Meine eigene Vorstellung, „Vorgefasstheit“ könnte man auch sagen, ist in Übereinstimmung mit der von Carl Rogers, der hinsichtlich der menschlichen Natur davon ausgeht, dass der Mensch im Grunde gut ist. Welche Beschwerden, Neurosen, schlechte Manieren etc. Menschen haben mögen, an der Basis begegnen wir einem Wesen, das bestrebt ist, das Beste zu tun, optimal zu leben und mit anderen in Beziehung zu sein usw. Und wenn sie sich dann in zerstörerisches Handeln verstricken, dann geschieht es durch die Beschwerden, in denen sie verfangen sind und ihre Sichtweise dergestalt verfälschen, dass sie meinen, es sei richtig, was sie da gerade tun. Wenn wir uns mit einzelnen Personen befassen, so wie das bei der Anwendung der Methode Reduzierung Traumatischer Geschehnisse (TIR) und davon abgeleiteten Verfahrensweisen der Fall ist, dann haben wir es stets mit einem Individuum zu tun. Folglich beginnen wir unsere Arbeit mit jedem einzelnen Menschen mit Hilfe der Überzeugung, dass es am Grunde des Betreffenden etwas gibt, das gut ist, und eben damit können wir arbeiten.

Ich gehe davon aus, dass sich der Mensch dann glücklich und Energie-voll fühlt, wenn er seine Selbstbestimmung zum Ausdruck bringen kann, und das, so denke ich, ist ein „guter“ Umstand. – Weshalb geben dann bestimmte Menschen dem Zustand den Vorzug, nicht bewusst zu sein? Der Grund liegt darin, dass mit der Bewusstheit Schmerz verbunden ist. Die beiden Konzepte gehen nämlich Hand in Hand. Wir wählen das Nicht-Bewusstsein, weil wir den Schmerz nicht erleben wollen. Ich definiere Schmerz als „eine Erfahrung, die schwer zu erleben ist“. Mit anderen Worten: Schmerz ist grundlegend eine Erfahrung, der man abgeneigt ist.

Gegen was richtet sich eigentlich die Abneigung in einer schmerzhaften Situation? Ich gehe davon aus, dass der Schmerz und das, was den Schmerz bewirkt, Frustration (Zunichtemachung, Durchkreuzung, Be-/Verhinderung, Einengung, Unterdrückung) ist und die negativen Emotionen, die mit ihr verbunden sind. Meiner Vorstellung nach ist ein schmerzhaftes Geschehnis immer ein solches, bei dem ein grundlegendes Bedürfnis oder eine Absicht in Mitleidenschaft gerät, was üblicherweise plötzlich und in einer schockierenden Weise geschieht. Nehmen wir das Beispiel, dass Sie ein Bedürfnis zu überleben haben, und da kommt einer daher und zielt mit einem Gewehr auf Ihre Brust, und das wird zu einem traumatischen, emotional schmerzhaften Erleben, denn plötzlich gibt es da einen äußerst bedrohlichen Angriff auf Ihr Bedürfnis zu überleben. Als Reaktion darauf erleben Sie eine abträgliche Emotion. Negative Emotionen sind das Ergebnis aus Versagen, positive Emotionen resultieren aus Erfolg. Jede schwere Frustration ist an eine starke negative Emotion gekoppelt.

Diese Frustration aber und die mit ihr verbundene abträgliche Emotion sind Teil der Erfahrung, die am schwersten zu konfrontieren ist, vor der man zurückweicht und nicht gewillt ist, sie zu erleben.

Genau hier nun haben wir die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, uns mit einer schmerzhaften Erfahrung auseinander zu setzen. Man kann sich entweder dergestalt mit ihr befassen, dass man sie unter den Teppich kehrt, sie verdrängt, sie unterdrückt, Ich-Verteidigungs-Mechanismen verwendet etc. und befindet sich somit auf dem Weg in die Gefühllosigkeit und des Verschließens, oder man ergreift die Möglichkeit, sich der Erfahrung zu öffnen und sich ihrer ganzen Intensität auszusetzen, wobei man die Fülle der Erfahrung durchlebt und meistert und auf der anderen Seite wieder stärker herauskommt. Und diese Wahlmöglichkeit haben alle Menschen.

Wenn Sie sich dafür entschieden haben, eine Lebenserfahrung zu verdrängen statt ihr ins Gesicht zu schauen, dann verfolgt Sie dieses Erleben bis zum Ende Ihrer Tage und wird in der Tat zu einem traumatischen Geschehen.

Meine Trauma-Definition ist: ein Erleben, bei dem man die Wahl der Gefühllosigkeit/Anästhesie getroffen hat. Man entschied sich, das Betreffende nicht wahrzunehmen, sich dessen nicht bewusst zu sein. Man unternahm den Versuch, es in einer Kiste wegzuschließen. Aber Erlebtes lässt sich nicht so einfach beiseite tun. Wenn Sie den Versuch unternehmen, das unangenehm Erlebte in eine Kiste zu sperren, dann folgt Ihnen diese Kiste, und das tut sie solange, bis Sie sie öffnen und sich den Inhalt anschauen. Sie werden immer wieder an sie erinnert, bis Sie schließlich zu sich sagen: „Okay, verdammt noch mal“, und öffnen die Kiste und führen den Vorgang des sich über den Inhalt Bewusstwerdens bis zum Ende durch. Sie erhalten jene Kraft und Energie zurück, die Sie gehabt hätten, wenn Sie das Geschehnis schon zu Beginn konfrontiert hätten. Die TIR-Methode ist nichts anderes als eben diesen Vorgang durchzuführen, nämlich die Kiste zu finden, die noch nicht geöffnet wurde, und sie auf sehr systematische Weise zu erschließen.

Es ist für mich nur zu verständlich, wenn jemand davon ausgeht, dass es gefährlich sei, mit seinen Gefühlen in Kontakt zu sein, denn es ist ja auch so.
Aber das Gefährliche ist nicht, was sich in den Filmen abspielt; es ist durchaus nicht gefährlich, dass Sie etwas Schlimmes tun könnten. Die wirkliche Gefahr besteht darin, dass Sie sich gegen den Schmerz stemmen, statt sich von ihm abzuwenden. Das ist die echte Gefahr. Aber das ist natürlich auch die wirkliche Chance, denn an dieser Stelle tut sich die Chance zu persönlichem Wachsen auf.

Wie ich bereits erwähnt habe, können Sie die nicht fühlbare Bewusstlosigkeit wieder rückführen, auch dann, wenn Sie diesen Zustand in der Vergangenheit selbst herbeigeführt haben, indem Sie traumatische Geschehnisse erschufen. Sie können jeder Zeit das Zeug aus der Kiste heraus holen, aussortieren, und das war es dann. Sie müssen es aber aus der Kiste herausholen; nur so geht es. Und wenn Sie dies nun tun, dann begreifen Sie nicht nur, was es aus dem Erlebnis zu lernen gibt, das Sie da aus der Kiste herauf befördern und dabei Erfahrungen der Vergangenheit konfrontieren, sondern Ihnen geht dabei auch auf, dass es völlig in Ordnung ist, dieses Vorgefallene anzuschauen, und dass es gar nicht nötig ist, davor zurückzuschrecken. Nun bekommen Sie mehr Mut, dem Leben in seiner ganzen Intensität entgegen zu sehen; und in schmerzlichen Augenblicken begreifen Sie, sich dem Schmerz zuzuwenden und durch Ihr Gewahr-werden ihn in etwas anderes zu verwandeln. Das Merkwürdige am Schmerz ist: Haben Sie sich ihm erst einmal unvoreingenommen geöffnet, dann ist er kein Schmerz mehr. Er verwandelt sich zu Stärke und wird Teil unseres Lebens-Reichtums.